Was IPC-A-610 ist
IPC-A-610 ("Acceptability of Electronic Assemblies") ist der globale visuelle Inspektionsstandard, herausgegeben von IPC. Er definiert, wie eine "gute" Lötstelle, Bauteilplatzierung, Sauberkeitsstufe und Schadensbild aussieht — über drei Klassen der Endproduktzuverlässigkeit:
| Klasse | Anwendungsfall | Beispiele |
|---|---|---|
| Class 1 | Konsum | Spielzeug, Low-Cost-Elektronik |
| Class 2 | Industrie / kommerziell | Industriesteuerungen, Telekom, Automotive nicht sicherheitskritisch |
| Class 3 | Hochzuverlässig | Medizin (Lebenserhaltung), Defense, Luftfahrt, Raumfahrt |
Energetika-VDS liefert IPC-A-610 Class 2 als Standard bei jedem Bestückungsauftrag. Class 3 auf Anfrage — siehe unsere Seite Qualität und Rückverfolgbarkeit für die Audit-Kette.
Wichtige Unterschiede in den Annahmekriterien
Der Standard umfasst 600+ Seiten. Hier sind die häufigsten Unterschiede Class 2 vs Class 3, die EMS-Inspektoren täglich anwenden:
| Kriterium | Class 2 | Class 3 |
|---|---|---|
| PTH-Füllung | ≥75 % | ≥75 % (gleich — aber vertikale Füllregeln strenger unten) |
| Lothöhe an benetzter Seite (Chip) | ≥25 % der Seitenterminierung | ≥50 % der Seitenterminierung |
| Lothöhe an benetzter Seite (Gull-Wing) | ≥50 % der Pinhöhe | ≥50 % (gleich), aber Heel-Fillet zwingend |
| Anzahl Lotkügelchen | ≤5 pro 600 mm², kein Kontakt | ≤3 pro 600 mm², kein Kontakt, keines innerhalb 0,13 mm vom Leiter |
| Freiliegendes Kupfer am PTH-Barrel | Akzeptabel | Nicht akzeptabel |
| Bauteilneigung | ≤25° | ≤10° |
| Abgehobener Pin | Erlaubt, falls Lötstelle ok | Nicht erlaubt |
| Voids in BGA | ≤25 % Fläche | ≤9 % Fläche (manche Spezifikationen sagen 4 %) |
| Fluxrückstände | Nur visuell | Sauberkeit nach J-STD-001 gemessen |
| Inspektionsabdeckung | Stichprobe (AQL 1,0-2,5) | 100 %-Inspektion |
Wann Class 3 zwingend ist
Class 3 ist keine "Premium"-Stufe, die man aus Prestige wählt — sie ist erforderlich, wenn die Produktspezifikation sie verlangt. Auslöser:
- Medizinprodukte Class IIb und III (implantierbar, lebenserhaltend) nach IEC 60601 und ISO 13485
- Defense-Beschaffung nach MIL-PRF-31032, J-STD-001ES (Space-Anhang) oder kundenspezifisches PPAP
- Luftfahrt nach AS9100 / EN 9100, besonders für sicherheitskritische Avionik
- Raumfahrt — IPC-J-STD-001 Class 3/A (Space-Anhang) ersetzt hier de facto die 610
- Industrieautomation mit Safety Integrity Levels (SIL 2-3) — hängt vom Integrator ab
Wenn Ihr Produkt allgemeine Industrie, Telekom, Konsum-Wearables, EV-Ladegeräte (nicht sicherheitskritisch), Automotive-Infotainment oder kommerzielles IoT ist — ist Class 2 die richtige Wahl.
Der Kostenaufschlag — wohin gehen die 8-20 %
| Kostentreiber | % des Aufschlags |
|---|---|
| Langsamere Inspektion (100 % vs Stichprobe) | 35-45 % |
| Zertifizierte Operatoren (IPC-A-610 CIS/CIT) | 15-20 % |
| Engere Nacharbeitsschleifen | 15-20 % |
| Dokumentation und Rückverfolgbarkeit | 10-15 % |
| Material-Upgrades (Sauberkeit, Flux) | 10-15 % |
Bei einem Auftrag mit 15 €/Leiterplatte und 1000 Stück addiert Class 3 1200-3000 € über Class 2. Für ein Medizinprodukt, das mit 2000 € pro Stück ausgeliefert wird, ist das ein Rundungsfehler. Für einen 40 €-Industriesensor würde es die Marge zerstören — also spezifizieren Sie nur, was Sie brauchen.
Was Class 3 NICHT leistet
Ein verbreiteter Irrtum: Class 3 bedeutet "bessere Zuverlässigkeit". Tut es nicht. Class 3 bedeutet strengere visuelle Verarbeitungs-Akzeptanz beim EMS. Langfristige Feldzuverlässigkeit wird dominiert von:
- Bauteil-Derating (Designer)
- Thermomanagement (Designer)
- Schutzlack und Gehäuse (Designer + EMS)
- BGA-Voiding-Kontrolle (Prozess — siehe unseren BGA-Guide)
- DFM (Design — siehe unsere DFM-Checkliste)
Class 3 mit schlechtem thermischen Design fällt trotzdem aus. Class 2 mit gutem Design und Bauteil-Derating überlebt jedes Mal länger als Class 3. Wählen Sie Class 3, weil die Spezifikation es verlangt, nicht weil Sie glauben, dass es die Leiterplatte zuverlässiger macht.
Wie Class 3 verifiziert wird
Bei Energetika-VDS laufen Class-3-Aufträge durch:
- Operator-Zertifizierung — IPC-A-610 CIS (Certified IPC Specialist) für jeden Operator, der die Leiterplatte berührt
- 100 %-AOI-Inspektion statt Stichprobe — jede Leiterplatte, jede Lötstelle
- Röntgen auf jedem BGA und QFN — über Partner sourced, auf jeder Leiterplatte (Class 2 = Stichprobe)
- Sauberkeitstest — J-STD-001 ROSE oder Ionenchromatographie auf jeder Charge
- Dokumentierte Seriennummern-Rückverfolgbarkeit — Operator, Maschineneinstellungen, Reflow-Profil-Log pro Leiterplatte
- First-Article-Inspektionsbericht — vor Beginn der Serienproduktion unterzeichnet
Siehe unsere Inspektions- und Test-Capabilities für die volle Geräteliste.
Die richtige Klasse wählen
| Wenn Ihr Produkt ist ... | Wählen Sie |
|---|---|
| Konsum-Wearable, Spielzeug, Geschenkartikel | Class 1 (wir setzen dennoch Class 2 als Standard) |
| Industriesensor, Telekom, EV-Ladegerät | Class 2 |
| EV-Batteriemanagement (sicherheitskritisch) | Class 2 mit extra Röntgen |
| Medizinischer Class-IIa-Monitor | Class 2 mit ISO-13485-Dokumenten |
| Medizinisches Class-IIb/III-Implantat | Class 3 — zwingend |
| Militärische Feuerleit-, Avionik | Class 3 — zwingend |
| Satelliten-Payload | Class 3 + J-STD-001ES |
Reichen Sie Ihre RFQ ein mit klar angegebener Klasse. Class 3 ändert unser Angebot, die Lieferzeit und den Prozess — geben Sie es vorab an. Probieren Sie den Quote-Estimator, um vor dem Einreichen das Kostenband zu sehen.
Häufig gestellte Fragen
Was ist IPC-A-610? Der globale visuelle Annahmestandard für elektronische Baugruppen, herausgegeben von IPC. Er definiert, wie eine "gute" Lötstelle, Bauteilplatzierung und fertige Baugruppe über drei Zuverlässigkeitsklassen hinweg aussieht.
Class 2 vs Class 3 — wo ist der Unterschied? Class 3 hat strengere Verarbeitungsgrenzen (kein freiliegendes Kupfer an PTH, ≤10° Neigung, geringere Void-Raten, keine abgehobenen Pins), 100 %-Inspektion statt Stichprobe, zertifizierte Operatoren und dokumentierte Rückverfolgbarkeit. Class 2 ist industriell/kommerziell; Class 3 ist für Lebenserhaltung, Defense und Luftfahrt.
Brauche ich Class 3? Nur, wenn Ihre Produktspezifikation, der Regulator oder der Kundenvertrag es verlangt. Medizin Class IIb/III, Defense-Beschaffung, Luftfahrt und Raumfahrt erfordern Class 3. Industrie, Telekom, Automotive nicht sicherheitskritisch und Konsumprodukte fahren Class 2 — und gewinnen mit Class 3 nichts außer Kosten.
Wie viel mehr kostet Class 3? Typischerweise 8-20 % auf den Bestückungslohn über Class 2. Bei einem Auftrag mit 15 €/Leiterplatte und 1000 Stück sind das 1200-3000 €. Der Aufpreis zahlt langsamere Inspektion, zertifizierte Operatoren, engere Nacharbeit und volle Dokumentation — keine bessere Feldzuverlässigkeit.